Honig: Der Kampf um das süsse Gold

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Der Fleiss der Bienen ist sprichwörtlich. Unermüdlich setzen sie ihr Leben für die Königin ein, um sie zu ernähren, zu beschützen und den Fortbestand ihres Volkes zu sichern. Doch der Mensch hat sich ihren Fleiss schon lange zunutze gemacht, denn für ihn sind die Bienen mittlerweile nur noch Mittel zum Zweck. Sie sollen für ihn Honig erzeugen und seine Nutzpflanzen bestäuben.

Das komplexe Sozialleben der Honigbiene

Honigbienen verfügen über einen ausgeprägten sozialen Gemeinschaftssinn – mehr als alle anderen Bienenarten. Ihr ganzer Lebensinhalt dreht sich um den Fortbestand der Königin. Stirbt die Königin, muss sofort eine Nachfolgerin herangezogen werden.

Die Königin

Der Mensch greift für seine Zwecke künstlich in diesen Vorgang ein, indem er Bienen ohne Königin hält. Die Bienen sind in Aufruhr und kümmern sich einzig und allein darum, eine neue Königin zu schaffen. In ihrer Verzweiflung werden alle vom Imker zur Verfügung gestellten Larven (ca. 50 Stück) mit einem speziellen in Kopfdrüsen erzeugten Futtersaft von den Bienen versorgt – dem Gelée Royale. Da es nur eine Königin geben kann, wird die erste Königin, die schlüpft, alle noch nicht geschlüpften Konkurrentinnen töten. Um dies zu verhindern, muss der Imker genau im richtigen Zeitpunkt eingreifen und die Königin gleich nach dem Schlüpfen, zusammen mit ein paar anderen Bienen – ihrem Hofstaat – separieren. Auf diese Weise entstehen neue Bienenvölker für die industrielle Honigproduktion und als Bestäuber. Mit der normalen Paketpost werden die Königinnen in die ganze Welt versandt. Das Ziel dabei ist, möglichst angepasste und sanftmütige Königinnen zu züchten, um die Stechgefahr für die Imker zu verringern.

Der Mensch kommt ins Spiel

Wie auch in der Milchwirtschaft, so hat die industrielle Honigproduktion nichts mehr mit der Honiggewinnung zu tun, wie sie unsere Grosseltern noch kannten. Wildbienen sind kaum noch vorhanden, die Mehrheit der Imker setzt auf die Rasse der Europäischen Honigbiene, weil diese einfacher im Umgang ist. War dazumal die Haltung von 10 Bienenvölkern die Regel, so werden heutzutage mindestens 30 Völker gehalten, um ein rentables Geschäft zu erzielen.1 In Deutschland werden von über 80 000 Imkern zirka eine Million Bienenvölker gehalten. Diese decken mit etwa 25 000 Tonnen Honig pro Jahr etwa 20% des heimischen Bedarfs. Um also mehr Honig zu erhalten, stammt ein Grossteil des Honigs aus dem Ausland. Im Film «More Than Honey» (siehe Infokasten) wird ein Imker vorgestellt, der mit 200 Millionen Bienen eine Mandelfarm betreut. Dabei spielt die Kooperation mit den Bauern eine wichtige Rolle, denn davon profitieren beide Seiten: Der Imker gewinnt den Honig und die Mandelbäume des Farmers werden gleichzeitig bestäubt. Übrigens: Den Honig sammeln die Bienen eigentlich als Wintervorrat. Er wird maschinell aus den Waben gewonnen und was den Bienen bleibt, ist billiges Zuckerwasser als Ersatz.2 Wenn die Blüte vorbei ist, werden die Bienenvölkerkisten verladen und mit einem Truck zwei Tage nonstop in eine andere Gegend der USA gefahren, wo die Bienen ihre unermüdliche Arbeit fortführen. Die Hitze und der Stress, verursacht durch den langen Transport in Dunkelheit und Lärm, führt dazu, dass bis zu 20% der Bienenvölker während der Reise sterben.

«Die manipulative industrielle Bienenhaltung ist dieselbe wie in der Schweinemast und Grossviehzucht.»
Markus Imhoof, in seinem Film «More than honey»

Das Mysterium Bienensterben

DEN Grund für das Bienensterben gibt es nicht. Als Hauptverantwortlicher wird oftmals der Einsatz von Pestiziden und Fungiziden genannt. Dies hat sicher seine Berechtigung, denn durch den Einsatz von Chemie nehmen die Bienen diese durch die Blüten auf und geben sie auch an ihre Jungen weiter. Diese sterben dann entweder ab oder kommen verkrüppelt zur Welt.
Dass weltweit nur noch eine Art von Honigbienen in der industriellen Produktion verwendet wird, kann sich das Immunsystem nicht an die lokalen Umstände anpassen und Parasiten wie die gefürchtete Varroamilbe kann sich rasend schnell in allen genetisch identischen Völkern ausbreiten. In ganz Nordamerika und China gibt es kaum ein Volk von Honigbienen, das noch ohne die Beigabe von Antibiotika überleben könnte, da sich bakterielle Brutkrankheiten schon so stark ausgebreitet haben. Betrachtet man das Mysterium des Bienensterbens unter dem Aspekt der industriellen Massenproduktion, so ist das, was momentan geschieht, nicht weiter erstaunlich. Im Gegensatz zu Schweinen, Hühnern und Rindern, die von jeglicher Natur abgeschottet in dunklen Hallen gehalten werden können, sind die Menschen bei der Honigproduktion auf die Zusammenarbeit mit der Natur angewiesen. Das Bienensterben ist ein eindeutiges Aufbäumen der Umwelt gegen diese widernatürliche Behandlung.

«Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus.» 
Albert Einstein

Ein Leben ohne Bienen in China

Viele Früchte und Nüsse wachsen nur, weil sie dank der Bienen bestäubt wurden. Der Mensch versucht schon lange, diese Bestäubung so effizient und genau von der Natur zu kopieren, doch bisher ohne Erfolg. Was Albert Einstein als Schreckensszenario für die ganze Welt verkündet hat, ist in China bereits Realität geworden. Unter dem Regime von Mao wurde seinerzeit angeordnet, alle Spatzen zu töten, weil diese den Weizen, der für Futtermittel bestimmt war, auffrassen. Damals wurden Millionen der Vögel getötet. In der Folge kam es aber zu einer Insektenplage, da diese ja keine natürlichen Feinde mehr hatten. Dem ging man mit Pestiziden zu Leibe, mit der Folge, dass es kaum noch Insekten und schon gar keine Bienen mehr in Teilen Chinas gibt. Einige Farmer haben nun begonnen, selbst Hand anzulegen und mit kleinen Pinseln jede einzelne Blüte der Apfelfarm zu bestäuben.

Die Frage ist nicht, ob es eine Welt ohne Bienen gibt, denn es wurden bereits neue Bienenarten entdeckt, die robuster und widerstandsfähiger sind als die überzüchtete Europäische Honigbiene. Doch das Sterben der Bienen möchte den Menschen etwas Wichtiges sagen: «Hört auf damit, aus Gleichgültigkeit und Gewinnstreben weiterhin Tiere auf Kosten der Umwelt auszubeuten.» Mit der Entscheidung, auf Honig und auf Produkte, die Honig enthalten, zu verzichten, kann jeder seinen Teil dazu beitragen.

Bernadette Raschle

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