Wolle: Blutiges Geschäft mit dem Schaffell

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Wolle ist wohl das Naturprodukt schlechthin. Sie steht für kuschelige Wollsocken, gestrickte Mützen und wärmende Jacken. Auch in der Sportbekleidung macht man sich die temperaturausgleichenden Eigenschaften der Wolle für Unterwäsche zu Nutze. Alles Vorteile, auf die man doch nicht verzichten sollte, oder etwa doch?

Wie so vieles ist auch Wolle zu einer Massenware geworden. Weltweit werden in fast 100 Ländern jährlich rund 2,2 Millionen Tonnen Wolle produziert. Das meiste davon in Australien, gefolgt von China und Neuseeland.

Situation in der Schweiz

Bei der Schweizer Wollproduktion handelt es sich keinesfalls um ein rentables Geschäft. Pro Schur gibt ein Schaf zwei bis drei Kilogramm Wolle. Dafür erhält der Besitzer ungefähr zwei Franken. Allein die Schur aber kostet pro Schaf schon fünf Franken. Wenn man die Zeit rechnet, um die Wolle zu sortieren, und die Transport- oder Portokosten hinzuzählt, bleiben unter dem Strich nur rote Zahlen. Deshalb wird etwa die Hälfte der Wolle in den Müll geworfen oder verbrannt. Die andere Hälfte wird vor allem als Matratzenvliese, Gebäudedämmungen und Teppiche eingesetzt, denn für Kleidung ist die Wolle von Schweizer Schafen zu grob und deshalb ungeeignet.
Die Wollproduktion ist für Schweizer Schafhalter demnach nebensächlich. Viel wichtiger ist das Fleisch der Tiere. Die Einkünfte aus der Haltung der blökenden Herden stammen zu 98 Prozent aus der Fleischproduktion.1

Mulesing

Wenden wir uns also der «hochwertigen» Wolle aus dem Herstellerland Nummer 1, Australien, zu. Dort produzieren mehr als 125 Millionen Schafe über 20 Prozent des weltweiten Wollaufkommens.
Bestände umfassen dabei Tausende von Schafen, was es faktisch unmöglich macht, einem Tier individuelle Aufmerksamkeit zu schenken oder ihm im Notfall medizinische Hilfe zu leisten. Speziell für die Wollproduktion werden Merinoschafe mit sehr faltiger Haut gezüchtet, damit ihnen noch mehr Haare wachsen. Diese unnatürliche Übermenge an Wolle führt dazu, dass viele Schafe in den heissen Monaten unter der Hitze kollabieren und an Hitzschlag sterben. In warmen Regionen werden die Merinos häufig von Fliegen befallen, deren geschlüpfte Larven die Schafe anschliessend qualvoll von innen auffressen. In dem Versuch, diesen «Fliegenbefall» zu verhindern, nehmen die australischen Rancher einen barbarischen Eingriff an den Tieren vor – das «Mulesing». Dazu werden die lebenden Schafe unter Gewaltanwendung auf den Rücken geworfen und ihre Beine zwischen Metallstäben fixiert. Dann schneidet man ihnen – ohne jedes Schmerzmittel – Essteller grosse Fleischstücke vom Bereich rund um ihren Schwanz weg. Man will so erreichen, dass sich eine glatte, vernarbte Fläche bildet, die keine Angriffsfläche mehr für Fliegeneier bietet. Ironischerweise aber werden gerade diese grossflächigen blutigen Wunden häufig von Fliegen befallen, noch bevor sie abheilen können.2

Schafschur

Die Scherer werden gewöhnlich nach Menge bezahlt, nicht nach Stunden. Daher sind sie motiviert, so schnell wie möglich zu arbeiten, ohne Rücksicht auf die Schafe. Augenzeugen berichten von entsetzlichen Szenen, die sich während der Schur im Akkord abspielen. Die Schafe werden häufig geschnitten und dabei schwer verletzt.

Lämmer

Wenige Wochen nach ihrer Geburt werden den Lämmern die Ohren durchlöchert, die Schwänze abgeschnitten und die männlichen Tiere werden kastriert, alles ohne Narkose. Die Kastration der männlichen Lämmer erfolgt in der 2. bis 8. Lebenswoche, indem man entweder einen Schnitt macht und die Hoden rausschneidet oder mit einem Gummiring die Blutzufuhr abschneidet – eine der schmerzhaftesten Kastrationsmethoden, die es gibt.

Transport um die halbe Welt

Bei nachlassender Wollproduktion werden die Schafe an Schlachtereien in aller Welt verkauft. Dies führt alljährlich zum grausamen Lebendexport von 6,5 Millionen Schafen aus Australien in den Nahen Osten und nach Nordafrika. 
In Australien legen Schafe riesige Entfernungen über Land zurück, bis sie die Sammelstellen erreichen, von denen aus sie auf Schiffe verladen werden. Viele Schafe – gestresst, krank oder vom Transport verletzt – sterben unter den beengenden Bedingungen, den Krankheiten und dem ungewohnten Futter noch an den Sammelstellen.
Die überlebenden Schafe werden dicht an dicht auf Schiffe verladen. Jüngere Tiere oder Babys, die unterwegs geboren wurden, werden häufig zu Tode getrampelt. Die Sterblichkeitsrate an Bord liegt bei bis zu 10 Prozent, und für jedes Schaf, das stirbt, stehen zahlreiche weitere, die krank werden oder sich verletzen. So starben einem Bericht zufolge beispielsweise 14500 Schafe an Hitzschlag, als sie 2002 auf dem Weg in den Nahen Osten waren. Ihre Leichen wurden einfach über Bord geworfen.3

Cashmere

Cashmere stammt von der feinen Unterwolle der Kaschmirziege, die in China und der Mongolei zu Millionen gezüchtet wird. Tiere, deren Fell «Mängel» aufweist, werden gewöhnlich getötet, bevor sie zwei Jahre alt sind. Experten dieser Industrie gehen davon aus, dass Farmer 50 bis 80 Prozent ihrer Jungtiere töten, weil ihre Felle nicht den Anforderungen entsprechen.

Angora

Angora-Kaninchen werden zu Zehntausenden in engen Drahtkäfigen gehalten. China dominiert den internationalen Markt für Angorawolle mit über 90 Prozent. Die Kaninchen verbringen ihr Leben in Käfigen, der Maschendraht führt häufig zu Geschwüren an den Füssen. Zum Scheren werden die Tiere auf ein Brett gespannt. Die Wollausbeute bei männlichen Angora-Kaninchen beträgt im Vergleich zu der von weiblichen nur etwa 75 bis 80 Prozent. Aus diesem Grund werden die Männchen auf vielen Farmen sofort nach der Geburt getötet.

Was Sie tun können

Tragen und kaufen Sie tierfreundliche Materialien, die – im Gegensatz zu Wolle – sogar wasserabweisend sind. Tencel beispielsweise ist atmungsaktiv, haltbar und biologisch abbaubar. Lyocell (aus Zellulose) hat den gleichen weichen Griff wie Cashmere, und Polartec Wind Pround ist feuchtigkeitsabweisend. Weitere Alternativen zu Wolle sind auch Polyestervlies, Sisal, Bambus, Baumwollflanell, Viskose, Vlies, Acryl, Hanf und Sojaseide.

Bernadette Raschle