«Das Pferd ist nicht zum Reiten gemacht»

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Viele Leute wissen um die Probleme, die im Pferdesport herrschen. Die Höchstleistungen, die dabei von den Tieren erwartet werden, haben nicht selten ein qualvolles und schmerzvolles Leben zur Folge. Nur wenigen Tier- und Pferdefreunden ist aber bewusst, dass auch das Hobby- und Freizeitreiten für die Tiere oft mit Qualen verbunden sein kann. Swissveg hat zu diesem Thema mit Katharina Stäheli gesprochen, sie ist überzeugte Tierfreundin und hat sich aus Liebe zu den Pferden dazu entschlossen, nicht mehr zu reiten.

Autorin mit Ihrem Pferd

Wenn Katharina von ihren Pferden spricht, spürt man, wie sehr ihr das Wohlergehen dieser Tiere am Herzen liegt. «Pferde haben mich schon immer fasziniert, vielleicht durch den starken Kontrast, den sie verkörpern. Einerseits geballte Kraft, andererseits eine fast unirdische Sanftheit.»

Wie viele junge Mädchen hat auch Katharina während der Schulzeit mit dem Reiten angefangen. Schon damals fiel ihr auf, dass der Umgang mit den Pferden hauptsächlich darin bestand, das Tier mit Gewalt beherrschen zu wollen. «Ich machte mir nur wenig Gedanken darüber, wie es den Pferden dabei geht, obwohl ich schon damals fand, dass die Trense im Maul sicher unangenehm ist und Schmerzen bereitet, was unterdessen ja auch wissenschaftlich belegt ist. Ich war auch nicht damit einverstanden, dass die Pferde mit der Peitsche geschlagen werden, wenn sie mal nicht so wollen, wie sie sollen. Deshalb habe ich damals von diesen ‹Reiterkreisen› Abschied genommen.»

Als sie sich viele Jahre später um den Hengst Miro kümmert, beschäftigte sich die Veganerin vermehrt mit der natürlichen Haltung von Pferden. Durch das Internet ist sie auf die Nevzorov Haute Ecole1 aufmerksam geworden.«Alexander Nevzorov schult seine Pferde in Hoher Schule, ohne Einwirkung von jeglicher Gewalt, Zwang und Hilfsmitteln. Das Einzige, was er verwendet, ist ein ‹Cordeo›, ein Strick oder Band um die Schulter des Pferdes. Es dient dazu, dem Pferd damit Signale zu geben, aber es ist unmöglich, das Pferd damit zu etwas zu zwingen, was es nicht will. Auf einigen Videos und auf der Website kann man Alexander noch reiten sehen, aber in den letzten Jahren hat er sehr viel Forschung betrieben und dabei entdeckt, dass das Reiten dem Pferd grundsätzlich schadet. Das Pferd ist nicht zum Reiten gemacht!»

Diese Überzeugung mag im ersten Moment befremdend wirken, doch die Argumente, die Katharina aufführt, verdeutlichen, wo die Probleme liegen. «Meine jetzigen Beweggründe haben damit zu tun, dass meines Erachtens das Pferd das am meisten ausgenutzte Tier der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Kein anderes ‹Nutztier› wurde so missbraucht wie das Pferd: Ein Fluchttier, das gezwungen wurde, in den Krieg zu ziehen und komplett seinem Fluchtinstinkt entgegenzuhandeln. Es wurde als Lasttier und Reittier missbraucht und auch heute noch werden Tausende von Fohlen zur Fleischproduktion benutzt. Das Schlimmste ist, dass es heute ganz selbstverständlich als Sportgerät missbraucht wird.»

Dem Reiter mag es wohl ein Gefühl der Freiheit und der Naturverbundenheit geben, doch für das Pferd können die ständige Belastung und die unnatürlichen Bewegungen schwere Folgen haben. «Egal ob mit oder ohne Hilfsmittel geritten wird, durch das Reiten entstehen immer die gleichen Schäden am Gewebe. Durch den konstanten Druck fängt das Gewebe unter dem Sattel an abzusterben. Dies ist vergleichbar mit Druckstellen, die z.B. bei bettlägerigen Patienten entstehen können. Da dies auf dem Knochen anfängt und sich erst später durch z.B. weisse Flecken in der Sattellage äussert, wird dies oft gar nicht wahrgenommen. Dazu kommen Schäden an Gelenken oder am Skelett, die noch grösser sind, wenn die Pferde, wie so oft, eingeritten werden, ohne ausgewachsen zu sein. Rennpferde zum Beispiel werden bereits mit 2 Jahren ins Rennen geschickt, obwohl sie, je nach Rasse, erst mit ca. 5 Jahren vollständig entwickelt sind.»

Katharinas Pferdestall in Eggingen.

Katharina ist klar, dass sie sich mit dieser Überzeugung oft vor anderen Menschen rechtfertigen muss. Viele sind erstaunt und fragen, wozu sie dann überhaupt Pferde habe, wenn sie sie doch nicht reite. Darauf reagiert die 38-Jährige einleuchtend: «Wozu hat man denn Hunde oder Katzen? Die kann man ja auch nicht reiten.» Stattdessen geht es Katharina vor allem darum, sich auf die Beziehung zum Pferd zu konzentrieren. Gemeinsam Spiele spielen, freie Bodenarbeit, spazieren gehen usw. «Wer Pferde mag und trotzdem reitet, dem muss einfach bewusst sein, dass er einen Kompromiss schliessen muss zwischen der Liebe zum Pferd und dem Bedürfnis zu reiten. Beides lässt sich leider nicht vereinbaren.»

Sie selbst hat die Erfahrung gemacht, dass durch den bewussten Aufbau einer respektvollen Beziehung zum Pferd nicht nur das Verhältnis zum Tier, sondern auch zu sich selber enorm profitiert. «Um in die Schule von Alexander Nevzorov aufgenommen zu werden, verpflichtet man sich, seine Pferde mindestens ein Jahr lang nicht zu reiten. Die meisten Leute in der Schule reiten danach nicht wieder. Ich denke, das hat mit einer veränderten Perspektive gegenüber dem Pferd zu tun. Wenn ein Pferd ein gleichberechtigter Partner ist und man eine Beziehung von gegenseitigem Respekt und Vertrauen aufgebaut hat, rückt der Gedanke ans Reiten in den Hintergrund.»

Bernadette Raschle
Fotos: Nell Andris

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